Small Modular Reactors
Die wichtigsten Informationen zu Small Modular Reactors – kurz SMR – bietet unser Überblick: Was ist von den neuen Reaktorkonzepten zu erwarten? Welche Einsatzbereiche haben diese Konzepte, welche Länder entwickeln sie und wie hoch ist ihr Sicherheitsniveau?
SMR-Konzepte gehen auf Entwicklungen der 1950er Jahre zurück, insbesondere den Versuch, Atomkraft als Antriebstechnologie für Militär-U-Boote nutzbar zu machen. Weltweit existieren heute zahlreiche unterschiedlichste Konzepte und Entwicklungen für SMR. Die überwiegende Mehrzahl davon befindet sich auf der Ebene von Konzeptstudien.
Das BASE hat ein Gutachten zu SMR in Auftrag gegeben. Daraus lassen sich folgende Schlussfolgerungen ziehen:
- Die Bandbreite der durch den Begriff SMR erfassten Konzepte reicht von „heutigen“ Leichtwasserreaktoren mit geringer Leistung bis hin zu alternativen Reaktorkonzepten, für die bislang wenig oder keine industrielle Vorerfahrung vorliegt (wie beispielsweise Hochtemperatur- oder Salzschmelze-Reaktorkonzepte).
Die diskutierten Einsatzbereiche betreffen neben der regulären Stromversorgung insbesondere die dezentrale Stromversorgung für Industrie bzw. Haushalte sowie Wärme für Fernwärme, Meerwasserentsalzung und Industrieprozesse. Darüber hinaus werden auch mobil einsetzbare Mikroreaktoren verfolgt. Diese wären als Ganzes transportabel und somit kurzfristig auch an entlegenen Orten einsetzbar. Die aktuell geplante Nutzung von SMR für den Antrieb von Schiffen wurde im Gutachten nicht betrachtet.
- Um weltweit mit SMR dieselbe elektrische Leistung zu erzeugen wie mit heutigen Atomkraftwerken wäre eine um den Faktor 3-1000 größere Anzahl erforderlich. Anstelle von heute circa 400 Reaktoren mit großer Leistung würde dies also den Bau von vielen tausend bis zehntausend SMR bzw. Mikroreaktoren bedeuten.
- Gegenüber Atomkraftwerken mit großer Leistung könnten SMR potenziell sicherheitstechnische Vorteile erzielen, da sie beispielsweise ein geringeres radioaktives Inventar pro Reaktor aufweisen. Jedoch würde sich für die gleiche Produktionsmenge an elektrischer Leistung die Anzahl an Reaktoren erheblich erhöhen, in denen es prinzipiell zu Zwischenfällen kommen könnte.
- Anders als teilweise von Herstellern angegeben, muss bisher davon ausgegangen werden, dass für den anlagenexternen Notfallschutz bei SMR die Möglichkeit von Kontaminationen besteht, die deutlich über das Anlagengelände hinausreichen.
- Durch die geringe elektrische Leistung sind bei SMR die Baukosten relativ betrachtet höher als bei großen Atomkraftwerken. Eine Produktionskostenrechnung unter Berücksichtigung von Skalen-, Massen- und Lerneffekten aus der Atomindustrie legt nahe, dass im Mittel 3000 SMR produziert werden müssten, bevor sich ein Kostenvorteil von SMR gegenüber konventionellen Kernkraftwerken ergeben würde.
Folgende Fragen und Antworten lassen sich aus dem Gutachten ableiten:
Definition: Was ist ein SMR?
Trotz der seit langem praktizierten Verwendung des Begriffs SMR gibt es bis heute keine international einheitliche Definition . Eine Definition der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO bzw. englisch: International Atomic Energy Agency - IAEA)beschreibt SMR als eine Gruppe kleiner Leistungsreaktoren mit geringerer Leistung als die heutiger Atomkraftwerke . Laut IAEA haben SMR eine Leistung von maximal 300 MWe. Reaktoren mit einer Leistung bis zu 10 MWe werden als Mikroreaktoren bezeichnet. Übliche konventionelle Reaktoren haben demgegenüber eine Leistung in der Größenordnung von über 1000 MWe.
Die Funktionsweise der SMR-Reaktorgruppe ist sehr divers: Bei einer Reihe von Konzepten entspricht sie der Funktionsweise heutiger Leichtwasserreaktoren. Diese Typen der SMR unterliegen somit geringeren Entwicklungsrisiken, die Entwickler können auf Betriebserfahrung zurückgreifen.
Zum anderen liegen den SMR auch neuartige Konzeptideen mit wenig bzw. keiner industrieller Vorerfahrung zugrunde. Letztere können den Hochtemperaturreaktoren, Reaktoren mit einem schnellen Neutronenspektrum oder den Salzschmelzreaktoren zugeordnet werden. Ende 2023 wurde erstmals in China ein SMR vom Typ Hochtemperaturreaktor, der HTR-PM, als Demonstrationsreaktor in Betrieb genommen.
Einsatzbereiche: Welche Länder entwickeln SMR?
Die aktuelle Entwicklung von SMRs ist derzeit größtenteils staatlich finanziert und findet in starkem Maß in den USA, Kanada und dem Vereinten Königreich statt. Die SMR können bei entsprechenden Voraussetzungen nicht nur im eigenen Land errichtet, sondern auch in andere Länder verkauft werden.
Im Bereich der SMR spielen industrie- und geopolitische Motivlagen sowie Interessen eine Rolle. Die Mehrheit der Länder, die SMR-Entwicklungsaktivitäten verfolgen, unterhalten Atomwaffenprogramme und bauen Atom-U-Boote und/oder verfügen bereits über ein großes „ziviles“ Atomprogramm.
Neben der regulären Stromversorgung sollen SMR insbesondere die dezentrale Stromversorgung für Industrie bzw. Haushalte sowie Wärme für Fernwärme, Meerwasserentsalzung und Industrieprozesse bereitstellen; darüber hinaus werden auch militärische Nutzungen wie mobil einsetzbare Mikroreaktoren verfolgt. Russland verfolgt den Einsatz von „schwimmenden Kernkraftwerken“, um abgelegene Regionen zu versorgen. Mit der Akademik Lomonossow (KLT 40S) ist eine solche Anlage bereits am Nordpolarmeer in Betrieb.
Neben traditionellen Atomenergieländern zeigen auch Länder mit geringer Kompetenz und Infrastruktur in der Kerntechnik zunehmend Interesse an SMR, wie zum Beispiel Saudi-Arabien und Jordanien.
Maßnahmen gegen den Klimawandel: Können SMR einen Beitrag zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen der globalen Stromversorgung leisten?
Heutige neue
Atomkraftwerke weisen elektrische Leistungen im Bereich von 1.000-1.600 MWe auf. Die SMR-Konzepte, die in dem vom BASE in Auftrag gegebenen Gutachten (siehe Infokasten auf dieser Seite) betrachtet worden sind, sehen dagegen geplante elektrische Leistungen von 1,5-300 MWe vor.
Entsprechend wäre zur Bereitstellung derselben elektrischen Leistung eine um den Faktor 3-1000 größere Anzahl an Anlagen erforderlich. Anstelle von heute circa 400 Reaktoren mit großer Leistung würde dies also den Bau von mehreren tausend bis zehntausend SMR-Anlagen bedeuten.
Dieses Ziel liegt in weiter Ferne. Zudem werden verschiedene Risiken, die mit Vervielfachung der Zahl der Anlagen einhergehen, bei der Planung weitgehend vernachlässigt: insbesondere Fragen des Transports, des Rückbaus sowie der Zwischen- und
Endlagerung.
Wirtschaftlichkeit: Würde sich der Einstieg in die SMR-Produktion lohnen?
SMR versprechen durch ihre Modularität kürzere Produktionszeiten sowie geringere Produktionskosten. Einzelne Komponenten oder auch der gesamte SMR sollen industriell (massen-)gefertigt und bei Bedarf zu den ausgewählten Standorten zur Installation transportiert werden. Vergleichbar mit einem Baukastenprinzip kann am Standort in kurzer Zeit aus den Komponenten (Modulen) ein einzelner Reaktor mit kleiner Leistung oder auch eine größere Anlage aus mehreren kleinen Reaktor-Modulen errichtet werden.
Durch die geringe elektrische Leistung sind die spezifischen Baukosten durch den Verlust der Skaleneffekte höher als bei großen
Atomkraftwerken. In dem vom BASE in Auftrag gegebenen Gutachten (siehe Infokasten in der oberen Hälfte dieser Seite) wird eine Produktionskostenrechnung unter Berücksichtigung von Skalen-, Massen- und Lerneffekten aus der Nuklearindustrie aufgemacht: Demnach müssten im Mittel 3000 SMR produziert werden, bevor sich ein Kostenvorteil von SMR gegenüber konventionellen Kernkraftwerken ergeben würde. Es ist somit nicht zu erwarten, dass der strukturelle Kostennachteil von Reaktoren mit kleiner Leistung durch Lern- bzw. Masseneffekte kompensiert werden kann.
Die Bereitstellung von SMR erfolgt wie bei Atomkraftwerken mit großer Leistung überwiegend staatlich bzw. von der Nachfrage (z.B. Endkunden) abgesichert. Zwar entwickeln sich auch Spin-Offs aus staatlich finanzierten Großforschungseinrichtungen und es gibt auch neu gegründete Start-ups, aber deren Geschäftsmodelle beruhen ebenfalls auf langfristiger staatlicher Finanzierung. Insgesamt ist daher nicht abzusehen, dass SMR-Konzepte andere Organisationsmodelle entwickeln können, als sie seit circa 70 Jahren im Bereich der Atomtechnik betrieben werden.
Regulatorische Anforderungen: Wie hoch ist das Sicherheitsniveau bei SMR?
Spezielle Einsatzszenarien wie die Modularität, neue Herstellungsverfahren, Materialien und technologische Lösungen für die Sicherheitsfunktionen erfordern vielfach neue regulatorische Ansätze. Bei einer geplanten, weltweiten Verbreitung von SMR ergeben sich damit vollkommen neue Fragestellungen für die zuständigen Genehmigungs- und Aufsichtsbehörden.
Bei Erstellung des SMR-Gutachtens lagen keine SMR-spezifischen nationalen oder internationalen Sicherheitsstandards vor. Da viele SMR-Entwickler einen weltweiten Einsatz ihrer SMR-Konzepte anstreben, würde dies eine internationale Standardisierung der Anforderungen erforderlich machen. Initiativen zur Harmonisierung sowie Diskussionen zur Anwendbarkeit des bestehenden Regelwerks auf SMR entwickeln sich derzeit. Auch Regelwerke speziell für SMR sind in Entwicklung.
Insgesamt könnten SMR potenziell sicherheitstechnische Vorteile gegenüber
Atomkraftwerken mit großer Leistung erzielen, da sie ein geringeres radioaktives Inventar pro Reaktor aufweisen und durch gezielte Vereinfachungen und einen verstärkten Einsatz der Nutzung passiver Systeme ein höheres Sicherheitsniveau anstreben.
Viele SMR-Konzepte erheben den Anspruch auf reduzierte Sicherheitsanforderungen beispielsweise mit Blick auf die Diversität bei Sicherheitssystemen. Manche SMR-Konzepte fordern sogar den Verzicht auf heutige Anforderungen ein, so im Bereich des anlageninternen Notfallschutzes. Andere verzichten vollständig auf eine externe Notfallschutzplanung. Diese, auch zur Kosteneffizienz verfolgte Sicherheitskonzepte, müssen bei einer konkreten Sicherheitsbetrachtung berücksichtigt werden. Da die Sicherheit von Reaktoranlagen von vielen Faktoren abhängig ist, kam das SMR-Gutachten des BASE zu dem Schluss, dass durch SMR-Konzepte kein grundsätzlich höheres Sicherheitsniveau erreicht wird. Belastbare Aussagen über das Sicherheitsniveau lassen sich letztlich nur für die einzelne, konkrete Anlage treffen.
Zugang zu atomwaffenfähigem Material: Vergrößert SMR das Risiko?
Verschiedene nicht-wassergekühlte SMR-Konzepte sehen den Einsatz von höheren Urananreicherungen oder die Nutzung von Plutoniumbrennstoffen sowie von Wiederaufarbeitungstechnologie vor. Dies wirkt sich nachteilig auf die Proliferationsresistenz – also die Erfordernis, den Zugang zu oder die Technologie zur Herstellung von atomwaffenfähigen Material zu verhindern – aus.
Als ein weiterer wesentlicher Unterschied von SMR-Konzepten zu heutigen Leistungsreaktoren wird häufig die Nutzung von Systemen genannt, die eine lange Laufzeit aufweisen und als geschlossenes System geliefert würden. Dies könnte durch Versiegelung die Überwachung vereinfachen und Transporte minimieren. Durch den hohen Abbrand wird das Spaltmaterial zudem nach einiger Zeit unattraktiv.
Nachteilig wirkt sich aber die hohe erforderliche Menge an Spaltmaterial zu Beginn des Reaktorbetriebs aus. Ein zusätzlicher Aspekt betrifft die Möglichkeiten der Spaltmaterialüberwachung durch die Internationale Atomenergieorganisation. Viele der Standardmethoden zur Spaltmaterialüberwachung passen nicht direkt auf die Besonderheiten von SMR-Konzepten, es stellen sich damit neue Herausforderungen.
Stand: 22.05.2026